VEB BIBLIOGRAPHISCHES INSTITUT LEIPZIG
Vorwort
Im Juni 1950 hielt ich in Dresden vor über 400 Lehrern einen Vortrag über
die Notwendigkeit der Angleichung der Sprechweise der zweistelligen Zahlen an
das Schriftbild der Zahlen. Am Ende einer sehr positiv verlaufenen Diskussion
gab ich der Versammlung das Versprechen, das von mir behandelte Problem weiter
zu bearbeiten und öffentlich zur Diskussion zu stellen.
Umfängliche und vielseitige Untersuchungen und zahlreiche Versuche ließen mich
sehr bald die große allgemeine, weit über das Pädagogische hinausgehende
Bedeutung erkennen, die das Problem der Angleichung der Sprechweise der Zahlen
an das Schriftbild gerade für uns Deutsche besitzt.
Es gibt nur noch wenige Kulturvölker, die - wie wir Deutschen - das dekadisch
geordnete Schriftbild beim Sprechen durch Inversion zerstören. Die
Schwierigkeiten und Nachteile, die sich daraus für uns ergeben, sind sehr
erheblich.
Ich habe in dieser Arbeit nicht die Absicht verfolgt, eine umfassende und
erschöpfende Darstellung der Entwicklung von Zahlwort und Schrift bild der Zahl
zu geben. Der erste Teil soll orientieren über das Werden- immer im Hinblick
auf die Sonderstellung, die wir Deutschen heute noch einnehmen. Die Forderung
der baldigen Angleichung der Zahlensprechweise an das Schriftbild der Zahlen
bedarf der allseitigen und nachdrücklichen Begründung, wenn sie sich zu dem
Entschluß der Korrektur des noch bestehenden Mangels verdichten soll.
Widrige Umstände und allerhand aus der noch bestehenden Spaltung unseres
Vaterlandes resultierende politische Bedenken haben die Veröffentlichung der
Arbeit verzögert.
Überzeugt von der Notwendigkeit der Angleichung und im Glauben daran, daß
über die zur Zeit bestehenden politischen Schwierigkeiten hinweg eine sachlich
geführte Diskussion im gesamten deutschen Sprachraum möglich ist, übergebe
ich nunmehr die Arbeit der öffentlichen Kritik.
Möge die Zeit bald kommen, die nichts mehr mit all den Mängeln und Nachteilen
zu schaffen hat, die uns jetzt noch auf Schritt und Tritt im Umgang mit den
Zahlen behindern.
Potsdam, im August 1953
M. Schellenberger
Die Verwirklichung der Forderung als Aufgabe der Gegenwart