Wilhelm Foerster, 1900


Wilhelm Foerster, 

 Das neue Jahrhundert und die Reform unseres Zählungswesens. - aus "Mitteilungen der Vereinigung von Freunden der Astronomie und kosmischen Physik". XI. Jahrg. 1900  Heft 1.

"Auf Grund von Erörterungen, wie sie durch die Jahrhundertfrage in Sachverständigenkreisen angeregt worden sind, ist man auch in der Lehrerwelt wiederum aufmerksamer geworden auf die großen Übelstände im Zählungs- und Rechnungswesen, welche durch gewisse Verkehrtheiten beim Aussprechen und beim wörtlichen Hinschreiben der Zahlenausdrücke in der deutschen Sprache und in einigen anderen Sprachen verursacht werden." Bei dem Zahlenausdruck 13, bei welchem man in der Richtung unseres Hinschreibens der Ziffern zuerst die Eins (die Zehnerstelle 1), sodann, die Drei (die Einerstelle 3) hinsetzt - gemäß den in der ganzen Folgeordnung der dekadischen Stellen beim Ziffernschreiben eingeführten Grundsätzen - wird sowohl beim Aussprechen als bei dem in vielen Fällen zur größeren Sicherung ausgeführten buchstäblichen Hinschreiben der bezüglichen Zahlwörter die Reihenfolge der Wörter gegen die in Schrift und Druck eingehaltene Ziffernfolge umgekehrt, indem man "D r e i z e h n" sagt und ebenso in Buchstaben "Dreizehn" schreibt. Dieselbe Verkehrtheit findet bei allen Ziffernausdrücken zwischen 13 und 99 mit Ausnahme der vollen Zehner statt. Bei 11 und 12 kommt diese Verkehrtheit nicht deutlich zum Vorschein. Es ist dagegen außer allem Zweifel, daß es in hohem Grade unzweckmäßig ist, ja sogar eine große Schädigung des ganzen Rechnungswesens enthält, daß man zwischen 13 und 99 die Folgeordnung des ziffernmäßigen Hinschreibens der Zahlenausdrücke ohne weiteres beim Aussprechen und wörtlichen Hinschreiben derselben nach Zehnern und Einern umkehrt. Man müßte sich durchaus gewöhnen zu sagen, "z e h n   d r e i " usf. bis "z e h n   n e u n" statt dreizehn bis neunzehn, sowie "zwanzig eins" usf. bis "neunzig neun" statt einundzwanzig bis neunundneunzig. Fast noch schlimmer wird die Sache in den Hunderten; denn von 101 bis 109 (eigentlich bis 112) gilt beim Aussprechen und wörtlichen Hinschreiben die Reihenfolge des Ziffernschreibens; man sagt nicht, ebenso wie bei neunundneunzig auch neunundhundert, sondern vollkommen korrekt "hundert neun". Von 113 ab bis 199 und entsprechend in den folgenden Hunderten mischt sich aber die korrekte Aussprache mit der bei Zahlen 13 bis 99 zugelassenen Verkehrtheit.
 Ein Zahlenausdruck wie 31729 bietet z. B. schon ein wahres Monstrum von Verkehrtheit der Reihenfolge des Aussprechens: zuerst die zweite Ziffer, darauf folgt die erste Ziffer, hiernach die dritte, sodann die fünfte und zuletzt die vierte. Man male sich aus, welchen Eindruck diese Verkehrtheiten auf die Kinder machen müssen, denen man diese Absurditäten mühsam beibringt. Es ist auch nur eine Stimme unter allen nachdenklichen und sorglichen Lehrern, daß in dieser Lehrweise des Zählungswesens ein pädagogischer Übelstand von weittragender Bedeutung liegt. Unter anderem wird von mehreren Stellen die Beobachtung berichtet, daß die Kinder im Anfange bei dem Hinschreiben der Ziffern die Reihenfolge, in welcher ihnen vom Lehrer die Zahlenausdrücke diktiert werden, einzuhalten suchen, zugleich aber, um dem davon abweichenden Gesetze der Ziffernfolge in den Zahlenausdrücken gerecht zu werden, die räumliche Anordnung in der folgenden komplizierten Weise ausführen: Bei einem Zahlenausdruck wie 31 729 wird die Ziffer 1 zuerst hingeschrieben, jedoch so, daß links neben ihr Platz gelassen wird für die Ziffer 3, welche nach der 1 links von derselben hingeschrieben wird; hierauf folgt rechts neben der 1 die Ziffer 7, und auf diese folgt dann die Ziffer 9, aber so weit nach rechts hinausgerückt, daß nun noch zuletzt die Ziffer 2 (für Zwanzig) zwischen die 7 und 9 hineingeschrieben werden kann. Man kann sich kaum etwas denken, was so schwerfällig und unbequem wäre wie eine solche Art des Hinschreibens, die doch an sich mitten in dem Unsinn der ganzen Sache durchaus sinnvoll ist.

  Auch sind schon nicht bloß die Lehrer, sondern neuerdings auch viele Beamte des Rechnungs-, Kassen- und Bankwesens auf diesen für Allewelt schädigenden Sachverhalt aufmerksam geworden. Beim Hinschreiben der Zahlwörter wird z. B. unseres Wissens in Süddeutschland bereits die vollständige Anpassung der Reihenfolge der Zahlwörter an die Reihenfolge der Ziffern amtlich vorgeschrieben, ebenso an manchen Stellen im Rechnungswesen im Verkehr. Von dem Bankbuchhalter Gustav v. Erlach in Zürich ist auch bereits eine recht sinnreiche Untersuchung in betreff der vielen Rechnungsfehler ausgeführt worden, welche durch die Verschiedenheiten der Reihenfolge des Aussprechens und des Hinschreibens der Ziffern, und zwar gerade bei den geübten Rechnern, verursacht werden. G. v. Erlach hat unter anderem darauf hingewiesen, daß es in der deutschen Sprache 36 verschiedene Fälle gibt, in denen auf dem Wege der durch jene Verkehrtheiten entstehenden Verwechslungen der Folge zweier Ziffern bestimmte Rechenfehler hervorgebracht werden, und er hat sogar, angesichts der großen Bedeutung der Sache für die Aufsuchung von Rechenfehlern, ein Verfahren angegeben, durch welches man bei einem bestimmten vorkommenden Fehlerbetrage denjenigen Verwechslungen der Ziffernfolge, die man durch lautloses Aussprechen oder durch die bloße Erinnerung an das Aussprechen begangen hat, leichter auf die Spur kommen kann. Er hat darüber ein kleines Buch geschrieben mit dem Titel "Wie man als Buchhalter Differenzen sucht", welches im Verlage von E. Speidel in Zürich erschienen ist.
Man hat eigentlich den Eindruck, daß es nur erforderlich sein wird, die Aufmerksamkeit der Schulbehörden 1) einmal mit allem Ernst auf diese Dinge zu leiten, um die Abhilfe, die natürlich im allerersten Schulunterricht geschehen muß und von dort aus sehr schnell ins Leben eindringen wird, in Gang zu setzen. Aus eigener Erfahrung werden viele mitteilen können, wie schnell man sich an das richtige Aussprechen gewöhnt, und wie schnell man es dann auch erreicht, einen verständnisvolleren Kreis von jüngeren und älteren Menschen dafür zu gewinnen. Ein nicht geringer Nebenvorteil wird übrigens in der deutschen Sprache durch das richtige Aussprechen der Zahlen von 13 bis 19 noch erreicht werden. Man weiß aus vielen Erfahrungen, daß Zahlenausdrücke wie vierzehn und vierzig, sechzehn und sechzig usw. sehr leicht beim Hören verwechselt werden. Sobald man aber nicht vierzehn, sondern zehn vier sagt usw.; ist diese Gefahr, die z. B. im Telephonverkehr erfahrungsgemäß sehr häufig eintritt, sofort verschwunden.
Es könnte auf den ersten Blick scheinen, als ob die obigen Vorschläge in ihrer Bedeutung etwas überschätzt wären, sozusagen "einen Sturm im Glase Wasser" darstellten. Hierauf wäre zu entgegnen, daß auch die kleinste an sich logisch gerechtfertigte und sachlich einwandfreie Verbesserung - und nun gar der Grundlage einer so wichtigen pädagogischen Angelegenheit - einen sehr hohen formalen Wert beanspruchen darf und für tiefere und schwierige Reformen geradezu vorbildlich werden kann."

Aus einem Brief von W. Foerster aus dem Jahre 1910

  1) Auf briefliche Erkundigung schreibt W. Foerster: "Mein kleiner Exkurs über "Zählungsreform" hat leider bis jetzt gar keine Wirkung getan. Das Ministerium war abweisend, die Reform sei gegen das "Sprachgefühl", gerade so wie die Engländer sagen, das Dezimalsystem widerstrebe der Volksseele.

Und die Kinder müssen bei uns in den Unsinn dieses Zahlenaussprechens hineingezwängt werden. Aber es gibt sogar Lehrer, die darin eine besondere Gymnastik erblicken".
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