Sanfte Reform


Wir denken, dass die Zeit gekommen ist, bei uns eine Reform einzuleiten wie sie in Norwegen im Jahre 1950 begonnen wurde und heute als erfolgreich abgeschlossen angesehen wird. Die Gründe, die das norwegische Parlament dazu gebracht haben, die damals gebräuchliche verdrehte Zahlensprechweise zu ersetzen, waren in den wesentlichsten Punkten die folgenden:

1) Die verdrehte Zahlensprechweise ist unlogisch, da sie die übliche Lese- und Schreibrichtung nicht einhält und zudem unnötig kompliziert.

2) Die verdrehte Zahlensprechweise ist viel stärker fehleranfällig, was auch durch die weite Verbreitung des Ausdrucks "Zahlendreher" belegt wird. Man benötigt zusätzliche Kontrollen, um die Anzahl der Fehler niedrig zu halten, was zu erhöhtem Zeitaufwand und zu Unkosten führt.

3) Die Verständigung mit Menschen in Staaten mit direkter Zahlensprechweise führt oft zu Friktionen und Frustrationen. Eine Anpassung an ein gemeinsames Schema des Zahlensprechens erleichtert die unmittelbare Kommunikation.

Die unverdrehte Zahlensprechweise ist die international dominierende Form.

Diese Gesichtspunkte wurden vom norwegischen Parlament als so schwerwiegend angesehen, dass es 1950 beschloss, die nicht invertierende Zahlensprechweise als die offiziell richtige anzuerkennen. Im Deutschen ist die Zahlensprechweise noch vergleichbar der norwegischen vor 1950. Man hat in Deutschland keine Reform begonnen, obwohl die genannten Gründe auf die deutschen Verhältnisse in zum Teil verstärktem Maße zutreffen. Man denke etwa an die geopolitische Lage von Deutschland in der Mitte Europas, die uns verpflichten sollte, unsinnige und unnötige Spannungen auch auf der Ebene der Gefühle zwischen den Nationen zu vermeiden.

Bereits im Jahre 1522 hat der berühmte Rechenmeister Jacob Köbel die Ansicht vertreten, dass die verdrehte Zahlensprechweise abgeschafft werden sollte. Damals waren die arabischen Ziffern frisch eingeführt worden und es tobte etwa 30 Jahre lang ein erbitterer Streit um diese Ziffernschreibweise, weswegen die Empfehlung von Köbel sich damals nicht durchsetzen ließ.

Im Jahre 1900 hat Wilhelm Förster aus Berlin in einem Exkurs vorgeschlagen, die verkehrten Zahlnamen im Deutschen aufzugeben. Die wilhelminische Obrigkeit hat eine Diskussion über diese Frage unterbunden.

Im Jahre 1950 hat Martin Schellenberger aus Potsdam diesen Vorschlag erneut unterbreitet und mit einer allseitigen Begründung versehen.

Zunächst haben die DDR- Behörden diese Reform begrüsst. Es wurden Schulversuche mit der normalen Zahlensprechweise durchgeführt, die allesamt positiv bewertet wurden. Einige Jahre später haben die damaligen Machthaber jegliche Debatte über diese Sprechweise verboten.

Diese Ansätze zu einer Zahlenreform scheiterten an der Ungunst der politischen Rahmenverhältnisse und dem rigorosen Eingreifen der Mächtigen.

Heute ist die Ausgangslage für eine solche Veränderung des Sprechens sehr viel besser. Es herrscht Frieden in Europa. Die Globalisierung und der europäische Einigungsprozess zwingen im wohlverstandenen eigenem Interesse zu Anpassungen an internationale Strukturen. In einer Grossen Koalition in Berlin ist eine politische Verständigung in Grundsatzfragen zwischen den wichtigen Parteien einfacher.

Der Verein "Zwanzigeins" hat daher eine sanfte Reform vorgeschlagen. Die Einführung der unverdrehten Zahlensprechweise könnte schon dadurch in etwa einer Generation erreicht werden, dass den Lehrer(inne)n an unseren Schulen nicht untersagt wird, die direkte Sprechweise neben der heute üblichen auch zu verwenden. Mit einem kleinen Wink "von oben" könnten die Pädagogen ermutigt werden, in eigener Verantwortung die neuen Zahlwörter in den Untericht einzubeziehen, ohne gegen bestehende Lehrpläne zu verstossen. Es könnte ein faszinierender demokratischer Prozess in Gang kommen.

Die verdrehte Zahlensprechweise, die von Millionen von Legasthenikern und Dyskalkulikern als schlimmer Klotz am Bein und von vielen weiteren Millionen als hinderliches Klötzchen empfunden wird, könnte auf die beschriebene Art durch eine Reform "von unten" entmachtet werden. Man soll auch nicht ausser Acht lassen, dass fast alle Ausländer, die mit den deutschen Zahlnamen bekannt werden, diese deutsche Sprechweise schlicht als lächerlich und absurd ansehen, da sehr elementare Empfindungen berührt werden. Der Schaden für des Ansehen Deutschlads in der Welt ist hoch, denken wir. Es ist ein Politikum von Rang, dass die Deutschen diese unbestreitbare Tatsache kaum wahrnehmen.

Nach uns vorliegenden Meinungsumfragen kann man davon ausgehen, dass man eine Mehrheit der Deutschen recht leicht durch Argumente für die neue Zahlensprechweise gewinnen kann. Etwa ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland ist auch jetzt schon ganz entschieden für das unverdrehte Sprechen und dieser Teil würde die Umstellung aktiv betreiben. Wenn jüngere Schulkinder diese normal von links nach rechts fortschreitende Zahlensprechweise kennenlernen. sind sie zumeist schnell dafür.

 

Prof.Dr.L.Gerritzen, Fakultaet fuer Mathematik,

Ruhr-Universitaet, D-44780 Bochum