Prof. Dr. Waldemar Reinecke
Dipl.
Chemiker
492 L e m g
o, Weißer Weg 20.
Lemgo, d. 27. Juni 1969
An die Sprachberatungsstelle
der Dudenredaktion
68 M a n n h e i m
Friedr.-Karl-Str. 12
Sehr geehrte Herren!
Seit Jahren bin ich an einer staatl. Ingenieurschule als Dozent tätig und trete an Sie mit der Bitte heran, in der deutschen Sprache folgende Zahlen umzuändern:
dreizehn 13 in zehndrei
vierzehn 14 in zehnvier
fünfzehn 15 in zehnfünf
sechzehn 16 in zehnsechs
siebzehn 17 in zehnsieben
achtzehn 18 in zehnacht
neunzehn 19 in zehnneun
einundzwanzig 21 in zwanzigeins
zweiundzwanzig 22 in zwanzigzwei
dreiundzwanzig 23 in zwanzigdrei
vierundzwanzig 24 in zwanzigvier u.s.w.
Begründung: Es ist nicht nur im gesamten Schulwesen sehr zeitraubend, den Kindern die unlogischen Zahlen wie: einundzwanzig, zweiundzwanzig u.s.w. beizubringen, sondern es führt immer wieder zu Verwechslungen, besonders bei ermüdeten und geistig nicht sehr wendigen Menschen, so dass beispielsweise 48 statt 84 geschrieben wird.
Wie ich aus Gesprächen mit Herren der Wirtschaft und Wissenschaft sowie Schulleitern feststellen konnte, würden sie alle eine derartige Änderung befürworten und begrüßen. Es sollte endlich auch in dieser Richtung der Mut zum Fortschritt aufgebracht werden.
Ich bitte daher, dass Sie von Ihrer Seite die erforderlichen Schritte unternehmen, damit eine derartige Zahlen-Nomenklatur bald realisiert werden kann. Außer der viel sinnvolleren Wiedergabe sei hervorgehoben, dass viele Zahlen nach der vorgeschlagenen Änderung weniger Silben haben und sich den Zahlen im internationalen Raum besser ausgleichen.
Mit freundlichen Grüßen
Waldemar Reinecke
AEF
Ausschuss für Einheiten und Formelgrössen
Im Deutschen Normenausschuss (DNA)
Geschäftsstelle
1 Berlin 30
Betr.: Ihr Vorschlag über neue Zahlwörter
Sehr geehrter Herr Professor Reinecke,
Wie in unserem Schreiben vom 18. Dezember 1974 angekündigt, haben wir Ihren Vorschlag dem Beirat des Ausschusses für Einheiten und Formelgrößen (AEF) vorgelegt. Dieser hat Ihre Anregungen mit Interesse zur Kenntnis genommen; er ist jedoch der Ansicht, dass der AEF in diesen grundsätzlichen sprachlichen Fragen keine Entscheidung treffen kann.
Die Gesellschaft für Deutsche Sprache, die wir in der Zwischenzeit um eine Stellungnahme gebeten haben, hat uns über ihr Schreiben an Sie vom 20. März 1975 in Kenntnis gesetzt. Auch der Verein Deutscher Ingenieure hat sich inzwischen zu Ihrem Vorschlag geäußert, eine Kopie dieser Stellungnahme fügen wir zu Ihrer Unterrichtung bei.
Mit freundlichen Grüßen
Ausschuß für Einheiten und Formelgrößen
Geschäftsstelle
Sch.
Gesellschaft für deutsche Sprache e. V.
Postfach 26 69
Taunusstr. 11
D.-6200 Wiesbaden
Sehr geehrter Herr Professor Reinecke
Schon am 26. November 1974 sind Sie "auf Anraten des Generalsekretärs der ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder mit der Bitte" an das Bundesministerium des Innern herangetreten, "möglichst bald Schritte zu unternehmen, damit in der deutschen Sprache die Zahlen sinnvoll geändert werden." Es geht Ihnen offenbar um das, was korrekt Änderung der Zahlwortbildung im Deutschen genannt werden müsste. Ihre damalige Anregung hat der Bundesminister des Innern am 4. Februar 1975 unter dem Aktenzeichen VtK II 2- 330 II an uns weitergeleitet, damit wir dazu Stellung nehmen. Dies ist am 20. März 1975 (DA 10881) geschehen. Unsere damalige Expertise umfaßt nahezu vier eng beschriebene Schreibmaschinenseiten. Rund 10 Jahre später, am 10. Januar 1984, haben Sie der KMK Ihre Bitte erneut vorgetragen. Wieder sind Sie an den Bundesminister des Innern verwiesen worden. Dieser hat Ihnen am 6. April 1984 unter dem Aktenzeichen VtK II 6 - 330 313 II geschrieben und Sie wiederum an uns verwiesen. Unsere Stellungnahme jedoch ist Ihnen schon einmal zugeleitet worden. Es ist uns deshalb unverständlich, weshalb Sie am 15. Mai 1985 (Aktenzeichen rk/sch) unsere Stellungnahme beim BMI zumindest angemahnt haben. Wir erlauben uns deshalb, Ihnen in aller Form und expressis verbis mitzuteilen, dass wir keinen Grund sehen, von der Stellungnahme abzurücken, die wir dem Bundesminister des Innern am 20. März 1975 unter dem Aktenzeichen DA 10881 zugestellt haben.
Mit vorzüglicher Hochachtung
Gesellschaft für Deutsche Sprache
Dr. U. F.
Leiter des Sprachberatungsdienstes
Der Bundesminister des Innern
Postfach 170290 5300 Bonn
1
29. Mai 1985
Förderverein der Fachhochschule
Lippe e. V.
z. H. Herrn Prof. Dr. Waldemar Reinecke
Liebigstr. 87, 4920 Lemgo 1
Betr.: Reform der deutschen Sprache
Bezug: Ihr Schreiben vom 15. Mai 1985 - rk/sch -
Sehr geehrter Herr Professor,
für Ihr erneutes Schreiben danke ich Ihnen.
Wie bereits seinerzeit angekündigt, hatte ich Ihren Vorschlag an die Gesellschaft für deutsche Sprache an den fachlich qualifizierten Ansprechpartner weitergeleitet.
Ich habe die Gesellschaft heute nochmals gebeten, sich mit Ihnen in Verbindung zu setzen. Sie erhalten sicher in Kürze von dort Bescheid.
Mit freundlichen Grüßen
Im Auftrag
Dr. Peters
Förderverein der FH Lippe,
492 Lemgo 1, Liebigstr.
87
11.04.1986
An die
Gesellschaft für deutsche Sprache e.V.
Herrn Dr. Uwe Förster
Taunusstr. 11
6200 Wiesbaden 1
Sehr geehrter Herr Förster,
Sie teilten mit am 02.07.85 (Az.: DA 10881) mit, dass eine Expertise von 4 Schreibmaschinenseiten über meinen damaligen Antrag (Änderung der Zahlwortbildung) existiert. Da ich eine derartige Unterlage nicht gesehen habe, möchte ich Sie hiermit höflichst bitten, mir Kopien davon anfertigen zu lassen und mir zuzusenden.
Für Ihre Mühe sage ich Ihnen im voraus meinen besten Dank und verbleibe
mit freundlichen Grüßen
(Prof. Dr. Waldemar Reinecke)
Vorstandsvorsitzender
Förderverein der Fachhochschule Lippe e.V.
Liebigstr. 87,
D- 492 Lemgo 1,
Herrn
Karl Peter Schulz
Vorsitzender des Normenausschusses
Einheiten und Formelgrößen (AEF)-DIN
Postfach 11 07
D- 1000
Berlin
09.02.1987
Sehr geehrter Herr Schulz!
Heute trete ich an Sie mit der Bitte heran, möglichst bald Schritte zu unternehmen, damit in der deutschen Sprache einige Zahlwörter, Ordnungszahlen, Bruchzahlen u. s. w. sinnvoll geändert werden. Es wird vorgeschlagen, folgende Korrekturen vorzunehmen:
bislang: in Zukunft:
dreizehn 13 zehndrei
vierzehn 14 zehnvier
fünfzehn 15 zehnfünf
sechzehn 16 zehnsechs
siebzehn 17 zehnsieben
achtzehn 18 zehnacht
neunzehn 19 zehnneun
einundzwanzig 21 zwanzigeins
zweiundzwanzig 22 zwanzigzwei
dreiundzwanzig 23 zwanzigdrei u.s.w.
Für Ordnungszahlen, Bruchzahlen u.s.w. gilt Entsprechendes.
Begründung:
Im gesamten Lehr- und Erziehungsbereich ist es nicht nur sehr zeitraubend, den Kindern und Ausländern derart unlogische Zahlen wie zweiundfünfzig, dreiundfünfzig, u.s.w. beizubringen, sondern es führt ständig zu Verwechslungen, so dass beispielsweise vierundneunzig statt neunundvierzig geschrieben wird. Erfahrungsgemäß treten derartige Verwechslungen fast immer bei Ermüdungserscheinungen auf.
In vielen Gesprächen mit Persönlichkeiten aus der Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur u.s.w. konnte festgestellt werden, dass die aufgeführten Korrekturen sehr begrüßt würden. Im Fernsprechwesen wird seit einiger Zeit beispielsweise statt dreiundfünfzig: fünfzig-drei bzw. fünf-drei gesagt.
Von großer Bedeutung ist auch, dass diese verbesserten Zahlenwerte sich erheblich schneller aussprechen lassen als die bisherigen. Diese nutzlose Zeit lässt sich in Zukunft sinnvoller verwenden. Mut zum Fortschritt sollte endlich aufgebracht werden!
Deshalb bitte ich Sie, sich dafür einzusetzen, damit diese "neuen" sinnvollen Zahlwörter bald realisiert werden können.
Gern höre ich wieder von Ihnen und verbleibe
Mit freundlichen Grüßen
Waldemar Reinecke
(Vorstandsvorsitzender)
DIN Deutsches Institut für Normung e.V.
Postfach 1107, D-1000 Berlin 30
Herrn
Prof. Dr. Waldemar Reinecke
Vorstandsvorsitzender der FH Lippe
Liebigstr. 87, 4920 Lemgo
1
1987-05-04
Sprechweise von Zahlwörtern
Sehr geehrter Herr Professor Reinecke,
Ihren Vorschlag vom 09.02.1987 habe ich sowohl dem AEF-Beirat als auch dem Normenausschuß Terminologie vorgelegt, und beide Gremien haben einhellig die Zuständigkeit des DIN als technisch orientierte Institution für Ihren Vorschlag in Frage gestellt. Im Bereich der Technik und Wissenschaft dominiert die schriftliche Form der Zahlen in Dezimalschreibweise, wo es derartige Probleme nicht gibt. Ihr Vorschlag betrifft in erster Linie die Gemeinsprache für die eher der Duden zuständig ist.
Mit freundlichen Grüßen
NA Einheiten und Formelgrößen (AEF)
B. Brinkmann
Herrn Prof. Dr. Waldemar Reinecke
Fachhochschule Lippe
Liebigstr. 87,
492
Lemgo
20. März 1975
Sehr verehrter Herr Professor!
Das Bundesministerium des Innern hat uns Ihren Brief vom 26. November 1974 zur Beantwortung übergeben.
Der Vorschlag, die Aussprache unserer Zahlwörter bei den Zehner- und Einerstellen der Ziffernfolge anzupassen, wird uns immer wieder zur Prüfung vorgelegt. So haben wir es mit der Beantwortung Ihrer Frage leicht; Sie erhalten die Kopie unserer Stellungnahme vom 17. Oktober 1972 (s. Anlage).
Mit den besten Empfehlungen
Gesellschaft für Deutsche Sprache
Im Auftrag
Dr. U. Förster
Anlage
Der Wunsch, die Aussprache unserer Zahlwörter bei den Zehner- und Einerstellen der Ziffernfolge anzupassen, ist nicht neu. Schon vor vierzehn Jahren hat Professor M. Schellenberger einen Diskussionsentwurf für die Umstellung der Zahlwörter vorgelegt, der unter anderem folgendes vorsieht ("Muttersprache", Jg. 1958, S. 303 f.):
a) Die g a n z e n Z a h l e n werden dem Schriftbild der Zahlen entsprechend in dekadisch geordneter Folge gesprochen. Diese dekadisch richtige Zahlwortbildung schließt jedes Mißverständnis, das früher möglich war, aus, weil nunmehr auch die gesprochene Zahl als eine Einheit empfunden wird.
b) Die O r d n u n g s z a h l e n folgen der Sprechweise der ganzen Zahlen. Die Endung, durch die die "Ordnung" eingedeutet wird, wechselt dabei auf die Einer über. Beispiel: Der 324. Tag = der dreihundertzwanzigvierte Tag.
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e) Der Zahlwortbereich für die Werte 11 bis 19 bedarf noch einer besonderen Erörterung. Als selbstverständlich muss gelten, dass auch im Bereich von 11 bis 19 die Zehner vor den Einern gesprochen werden. Ebenso sicher erscheint mir auch die Beibehaltung der Zahlwörter elf und zwölf neben den neuen zusammengesetzten Zahlwörtern.
Für die Werte 11 bis 19 sind zwei verschiedene Zahlwortbildungen möglich:
1. Man kann das Zahlwort zehn beibehalten und erhält die Zahlenfolge zehn ein, zehn zwei, ... zehn neun. Entscheidet man sich für die Folge, so wird praktisch von 1 bis 19 durchgezählt; denn das Zahlwort zehn bedeutet die Menge von 10 Dingen, hat nicht die Bedeutung der Mengeneinheit eines Gezehnts. Die Zahlenfolge zehn eins ... zehn neun steht also nicht im Einklang mit dem Aufbau der Zahlen.
2. Diese Übereinstimmung wird sofort erreicht, wenn, beginnend mit dem Zahlwort für den Wert 11, die Bezeichnung zig, der Name für das Gezehnt, gewählt wird. An die Zahlwortfolge zig ein, zig zwei, zig drei....zig neun schließt sich zwanzig ebenso und selbstverständlich an, sie die Folge 110, 120, 130 ... 190 zu 200 führt.
Professor Schellenberger schreibt im selben Zusammenhang ( S. 302 f.):
Im Zahlenbereich von 11 bis 19 setzen die germanischen und slawischen Völker und die Rumänen durchgehend die Einer vor die Zehner. Die Italiener und Franzosen invertieren bis 16, die Spanier bis 15, von 20 bis 99 sprechen alle romanischen Völker die Zehner und Einer in dekadisch richtiger Folge. Der sprachbildende Einfluß des späten Roms, in dem die dekadisch richtige Zahlwortbildung allmählich Übergewicht über die invertierte Sprechweise erhalten hatte, auf die Kolonialvölker des Mittelmeerraumes ist unverkennbar. Die slawisch sprechenden Völker bilden die Zahlwörter von 20 bis 99 ebenfalls in dekadisch richtiger Folge. In der tschechischen Sprache ist das invertierte Zahlwort in den letzten Jahrzehnten ausgemerzt worden. Nur die Sorben invertieren auch heute noch im gesamten Bereich von 11 bis 99.
In der germanischen Völkergruppe sprechen ab 20 dekadisch richtig die Engländer, Schweden, Isländer und seit reichlich drei Jahren die Norweger, während die Deutschen, Dänen und Niederländer im gesamten Bereich von 11 bis 99 die Zehner und Einer im Zahlwort vertauschen.
In der Frühzeit haben wahrscheinlich alle Völker des germanischen Sprachraums im gesamten Bereich von 11 bis 99 die Zehner und Einer im Zahlwort vertauscht. Die dekadisch geordnete Zahlwortbildung, der wir in einigen Dokumenten begegnen, dürfte wohl darauf zurückzuführen sein, daß der griechische oder lateinische Text wörtlich übersetzt wurde.
Die Tendenz zur Angleichung gewinnt im germanischen Sprachraum ihren sichtbaren Ausdruck darin, daß heute die Engländer, Schweden, Isländer und seit einigen Jahren die Norweger die Zahlwörter ab 20 in dekadisch geordneter Folge sprechen. Auch in der deutschen Sprache läßt sich da Bestreben, das Zahlwort in Einklang mit dem Schriftbild der Zahlen zu bringen, unschwer nachweisen. In Geburtsurkunden und anderen Dokumenten wird häufig das Jahr unter Anwendung des dekadisch gebildeten Zahlworts ausgeschrieben. Seit Anfang unseres Jahrhundert ist von namhaften Gelehrten, führenden Methodikern und Technikern immer wieder darauf hingewiesen worden, welche großen Nachteile der Zehner-Einer-Tausch in sich trägt.
Diesen mit viel Überzeugungskraft vorgetragenen Argumenten stehen einige schwere Bedenken gegenüber. So sehr wir aus Gründen der Zweckmäßigkeit die Angleichung der Zahlwörter begrüßen würden, sind wir doch auch der Meinung, daß damit ein allzu tiefer, gehaltsamer Eingriff in den Bau und die Entwicklung der deutschen Sprache einhergingen, nämlich:
1. Große Teile unseres Volkes sprechen Mundart: Die darin steckenden konservativen Sprachkräfte würden sich dem allgemeinen Übergang zu neuen Zahlwörtern lange Zeit erfolgreich widersetzen. Es bräuchte Jahre, sogar Generationen, bis die neuen Formen über alle vorbehaltlos in Gebrauch wären, und die Missverständnisse (man denke auch an Brüche, gemischte Zahlen, Dezimalbrüche!) wären in der Zeit des Übergang ärger und zahlreicher, als sie jetzt geltenden Benenungssystem jemals sein können.
2. Die Frage einer Rechtschreibreform - seit Jahrzehnten heftig diskutiert kommt nicht vom Fleck, solange zwischen den deutschsprachigen Ländern und Landesteilen keine Einigung möglich ist. Wir warnen davor, die durch den Aufschub der Rechtschreibreform vermiedene zusätzliche Trennung zwischen der Bundesrepublik und der DDR nun bei der Zahlwortbildung herbeizuführen; denn dieser unmittelbare Eingriff in den deutschen Wortschatz trüge - auf die Bundesrepublik beschränkt - nicht weniger zur Trennung bei als eine einseitige Rechtschreibreform. Die Beteiligung Österreichs, der Schweiz und Luxemburgs bedürfte darüber hinaus besonderer Klärung. Wir leugnen nicht und wissen aus eigener Erfahrung, daß der Widerspruch zwischen Zahlwort und Ziffernfolge gelegentlich zu Verwechslungen führt. Deshalb unterstützen wir überall da, wo Missverständnisse zu befürchten sind, die Methode, nicht Zahlen, sondern Ziffern zu sprechen. Bei der Deutschen Bundespost zum Beispiel ist das sogar Vorschrift - nicht: zwei siebenundzwanzig neunundsiebzig, sondern zwo- zwo sieben- sieben neun. Dabei steht "zwo" für "zwei", um im Fernsprechverkehr die Verwechselung mit "drei" zu vermeiden; aus demselben Grund (Hörfehler) wird statt "elf" und "zwölf" gelegentlich "einszehn" und zweizehn" gesagt. In älteren Familienstandsurkunden und Verträgen kann man bei ausgeschriebenen Daten und Zahlenangaben zuweilen die der Ziffernfolge angeglichene Umstellung der Einer und Zehner beobachten - entweder um dem Dokument die seiner Bedeutung scheinbar angemessene Form zu verleihen oder um Fälschungen vorzubeugen (Bankwesen). Bei Wasserstandsmeldungen, Börsenberichten, Lottogewinndurchsagen u. dgl. wird zur Vermeidung von Hörfehlern ebenfalls von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, Zahlwörter auf verschiedene Weise zu bilden und auszusprechen. (siebenundfünfzig - fünfzig (und) sieben - fünf sieben). Diese und ähnliche Wege, der Verwechslungsgefahr auszuweichen, führen zum Teil in den Bereichen der Fachsprachen. Aber auch dort, wo die abgewandelten Zahlwörter allgemein gebraucht und verstanden werden (Rundfunk), bleiben sie stets auf bestimmte Anwendungsfälle beschränkt, und es gibt nicht das geringste Anzeichen dafür, daß sie in die gesprochene oder geschriebene Sprache breiten Eingang finden.
Prof. L. Hammerich (Kopenhagen) schreibt im Heft 28 der Duden-Beiträge "Zahlwörter und Zahlbegriffe", S. 11 f.:
Deutsch und Dänisch heben sich von den meisten übrigen europäischen Sprachen dadurch ab, daß sie beim Addieren von Zehnern und Einern nicht mit dem Zehner, sondern mit dem Einer anfangen: franz. vingt-et-un, vingt-deux usw., englisch twenty-one, twenty-two usw., aber deutsch einundzwanzig, zweiundzwanzig usw., dänisch en-og-tyve usw. Soll man diese Zahlen schreiben, kann die deutsch-dänische Art unpraktisch erscheinen, denn wenn man z. B. ein-und-dreißig s c h r e i b t, muss man ja mit der 3 anfangen, erst d a n a c h die 1 schreiben. Das kann zu Fehlern führen, die durch trente- et-un, thirty-one usw. nicht angeregt werden. Z. T. hat deshalb die Finanzwelt in Deutschland und Dänemark auf Wertpapieren die europäische Reihenfolge eingeführt und kann dreißig-eins, treti-en schreiben. Reformeifrige Sprachforscher haben dann auch die Verwendung solcher Formen in der Rede propergiert sehr oft ohne die Konsequenzen zu beachten. Denn soll die Grundzahl deutsch dreißig-eins sein, dann müsste die Ordnungszahl der dreißig-erste oder gar der dreißig-einte heißen und der Bruch etwa ein dreißig-erstel. Das könnte man doch einem normalen Sprachlehrer nicht zumuten. In Norwegen, wo man in bezug auf Sprachreformen sehr draufgängerisch ist, hat man, gegen alle Traditionen, in den Nenner des Bruches die Grundzahl statt der Ordnungszahl eingeführt. Man sagt im Deutschen ein einunddreißigstel, im Dänischen en enogtredivetedel, aber im Neu-Norwegischen en treti-en-del. Würde man im Deutschen ein dreißig-sieben-tel oder entsprechend ein dreißig-ein-tel dulden? Ich glaube nicht - und man darf auch nicht vergessen, dass die deutsch-dänische Art des Addierens von Zähler und Einer die Einheit der Zahl besser wahrt, als die nicht deutsch-dänische Art: einunddreißig, der einunddreißigste, ein einunddreißigstel: der Sinn ist vollkommen klar. Missverständnisse ausgeschlossen.
Eine allgemeine Umstellung unseres Zahlwertsystems
über die aus der Praxis gewachsenen Zugeständnisse hinaus halten wir zumindest
zum gegenwärtigen Zeitpunkt verfehlt. Sollten eines Tages der gewünschten
Änderung keine politischen Hindernisse entgegenstehen, so bliebe immer noch das
Erfordernis, die voraussichtliche Reaktion der gesamten Spracheigenschaft zu
ergründen. Auch der geringste Zweifel am vollen Erfolg wäre Grund genug, die
Umstellung nicht zu wagen.
Verein Deutscher Ingenieure
4 Düsseldorf 1 Postfach 11
39
14. April 1975
An den
Ausschuß für Einheiten
und Formelgrößen im
Deutschen Normenausschuß (NDA)
1000 Berlin 30 Postfach 1107
Betr.: Ihre Stellungsnahme vom 18. Dezember 1974
hier: Brief der FHS Lippe vom 26. November 1974
Sehr geehrte Damen und Herren!
Der VDI-Ausschuß hat anlässlich seiner letzten Sitzung das Anliegen von Herrn Prof. Dr. W. R. FHS Lippe, Abt. Lemgo beraten.
Die Mitglieder des Ausschusses Sprache und Technik können sich dem Vorschlag von Herrn Professor R., "in der deutschen Sprache die Zahlen sinnvoll" zu ändern, nicht anschließen. Folgende Argumente liegen diesem Votum zugrunde:
1. Die Durchsetzung des Vorschlages von Herrn Prof. R. bedeutet keine rein formale Änderung innerhalb des Gefüges der deutschen Sprache.
2. Da eine allgemeingültige Sprachlogik nicht existiert, besteht keine Aussicht, solche Logik in die Sprache einzubringen und durchzusetzen.
3. Auch nach einer Änderung im gewünschten Sinne bleiben - gerade bei gesprochener Sprache - Missverständnisse nicht aus oder werden erst hervorgerufen. Man denke an die entstehenden Schwierigkeiten bei der Aussprache von Brüchen wie 13/4 oder 24/7 usw. Ähnliche Schwierigkeiten werden auch bei der Aussprache von Ordnungszahlen entstehen.
4. Im übrigen weisen die Mitglieder des VDI-Ausschusses Sprache und Technik darauf hin, dass sie nicht zuständig sein können für eine solche tief greifende Änderung. Das Problem müsste - falls überhaupt - in ähnlicher Weise behandelt werden, wie dies mit den Vorschlägen zur Rechtschreibung geschieht.
Mit freundlichen Grüßen
Verein Deutscher Ingenieure
VDI-Hauptgruppe - Bereich Mensch und Technik
Prof. Dr. D. Möhn
An den
Generalsekretär der ständigen
Konferenz
der Kultusminister der Länder
5300
Bonn
Lemgo, den 08.10.1973
Sehr geehrter Herr Frey!
Für die Umgehende Beantwortung meines Schreibens danke ich Ihnen sehr. Ich würde es sehr begrüßen, wenn Sie mir nach weiteren Überlegungen Möglichkeiten, wie man in diesem Fall zu einem Resultat kommen könnte, mitteilen würden.
Halten Sie es für sinnvoll, über andere Stellen in dieser Richtung einen Vorstoß zu unternehmen?
In der Hoffnung, bald wieder von Ihnen zu hören, verbleibe ich
Mit freundlichen Grüßen
Waldemar Reinecke
Anlage: 1 Prospekt der Fachhochschule Lippe